Artikelansicht

Interview mit Johannes Matheis, Geschäftsführer des Entwicklungs- und Fertigungsdienstleisters JOMATIK aus Tübingen

17.06.2015 | id:9210641

Schlechte Qualität verbaut uns allen Chancen...“
...sagt Johannes Matheis, Chef der JOMATIK GmbH aus Tübingen. Darum setzt er sich in der Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing im VDMA für Standards ein.

Welchen Teil der Wertschöpfungskette im Additive Manufacturing deckt Ihre JOMATIK GmbH ab?
Matheis: Wir bieten die Entwicklung, Konstruktion und Fertigung von Bauteilen an. Unser Basisangebot umfasst die entsprechende Aufarbeitung der CAD Daten unserer Kunden und die anschließende Produktion der Bauteile. Darüber hinaus bieten wir umfangreiche Nachbearbeitungen von SLS Produkten an: Glasperlenstrahlen, Trowalisieren Gummieren, Beflocken, Einfärben und Infiltrieren der Bauteile. Daneben haben wir einen Schwerpunkt in hybriden Bauweisen, wofür wir mit Zerspanern und Blechbearbeitern aus der Region kooperieren. Zudem entwickeln und fertigen wir technische Lösungen und Komponenten für Automatisierungs- und Medizintechnik-Unternehmen

Wo sehen Sie als Anwender Optimierungsbedarf bei der heutigen Anlagentechnik?
Matheis: Auf Anhieb fällt mir die Genauigkeit und eine größere Vielfalt der verwendbaren Pulver ein. Problematisch hierbei ist, dass wir an die Maschinenhersteller gebunden sind. Desweiteren sehe ich Optimierungsbedarf im Prozessablauf und Prozessstabilität. Für eine Beschleunigung des Prozesses wird mehr als eine Laserstrahlquelle pro Anlage nötig sein. Oder es braucht alternative Verfahren wie das selektive Maskensintern, bei dem mithilfe von flächigem Infrarotlicht Kunststoffpulver auf eine Maske aufgeschmolzen wird. Bislang hängt die Qualität der Endprodukte stark von Schritten ab, die dem Produktionsprozess vorgelagert sind. Jeder Anwender verwendet andere Pulver, andere Mischverhältnisse und eine andere Pulveraufbereitung. Gerade in Bezug auf das Material, gibt es bislang keine verbindlichen Standards. Eine häufige Fehlerquelle ist es, thermisch beschädigtes Pulver nicht sorgsam genug aus dem Prozesskreislauf zu nehmen. Darüber hinaus ist die erzielte Bauteilqualität von der Bauteilausrichtung und der Nachbearbeitung abhängig.

Aus welchen Gründen entscheiden sich Ihre Kunden erfahrungsgemäß für additive Fertigung?
Matheis: Oft kommen sie aus Neugier zu uns, weil sie von „3D-Druck“ gehört haben. Das ist der Türöffner. Dann sind sie schnell von der Gestaltungsfreiheit begeistert, davon dass höchste Komplexität in niedrigster Stückzahl wirtschaftlich realisierbar wird. Und auch die schnellen Lieferzeiten überzeugen. Unsere Kunden, die wir größtenteils als Stammkunden gewinnen können, wissen auch unsere Beratung und Unterstützung bei der Konstruktion zu schätzen.

Additive Manufacturing reift. Werden damit auch die Erwartungen von Neukunden realistischer?
Matheis: Es gibt leider trotz des sehr frühen Marktstadiums bereits Discount-Anbieter, die zu Preisen anbieten, die nach unserer Einschätzung nicht kostendeckend sind. Sie steigen in einen Verdrängungswettbewerb ein, um sich Marktanteile zu sichern. Jene Kunden, die zwischenzeitlich versucht haben von günstigen Preisen anderer Anbieter zu profitieren, sind alle zu uns zurückgekommen. Ich sehe die große Gefahr, dass Erstkunden von den Qualitätsmängeln der Discounter auf additive Verfahren als Ganzes schließen. Schlecht abgelieferte Qualität schadet allen Marktteilnehmern. Welcher enttäuschte Erstkunde gibt Additive Manufacturing eine zweite Chance? - Für die junge Technologie ist der verfrühte Preiskampf zulasten der Qualität Gift.

Abgesehen von dieser Problematik sehen wir bei Neukunden oft, dass ihre Konstruktionen anfangs noch stark mit der zerspanenden Fertigungswelt verhaftet sind. Bei lernfähigen Konstrukteuren sehen wir dann bei Folgeaufträgen, wie sie die neuen Möglichkeiten zur Funktionsintegration und zur Gestaltung immer besser nutzen. Ich denke allerdings, dass Konstruktion für additive Verfahren künftig mehr Raum in der Ausbildung bekommen sollte. Denn das Potential der additiven Fertigung ist ja in erster Linie durch clevere Konstruktionen zu heben.

Wie steht es um die Bereitschaft von Neukunden, den hohen Konstruktionsaufwand zu vergüten?
Matheis: Es ist eine Frage der Argumentation. Ziel in der Entwicklung ist es, ein hohen Kundennutzen zu erzeugen, der nur unter Anwendung oder zumindest mithilfe additiver Fertigungsverfahren zu erzeugen ist. Prozessoptimierung, neues Produktdesign in Größe, Gewicht und Geometrie sowie Funktionsintegration sind nur einige wenige Beispiele, die die Kosten für die Konstruktion relativieren. Ein reduzierter Montageaufwand, schnellere Lieferzeiten oder eingesparte Lagerkosten ergänzen die Liste der Vorteile.

Mit welchen Zielen und Interessen haben Sie sich der Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing angeschlossen?
Matheis: Mich hat der Gedanke gereizt, Ideen auszutauschen und mit anderen Akteuren des Additive Manufacturing gemeinsam in Richtung Standardisierung, Qualitätssicherung  und Konstruktionsrichtlinien zu arbeiten. Kritisieren muss ich jedoch, dass es nicht schnell genug vorwärts geht. In der Frage der Standards und Normen kann ich nur den Appell an uns alle richten, jeweils nach differenzierten Lösungen für die unterschiedlichen Verfahren zu suchen. Das Beispiel, dass die empfohlenen Pulver bislang von einem Anlagenbauer zum anderen verschieden sind, zeigt, dass wir die technologische Vielfalt der additiven Verfahren nicht mit einer Norm abdecken können. Als breit angelegtes Bündnis sollten wir uns Etappenziele setzen und uns so schrittweise zu übergreifenden Standards vorarbeiten. 

Kontakt
Rainer Gebhardt
AG Additive Manufacturing im VDMA
Tel: +49 (0)69 6603-1902
rainer.gebhardt@vdma.org

 

Bildquelle : JOMATIK

Gebhardt, Rainer
Gebhardt, Rainer
Diese Artikel könnten Sie ebenfalls interessieren

Interview mit Christoph Hauck, Geschäftsführer des Konstruktions- und Fertigungsdienstleisters toolcraft aus Georgensgmünd

"Innovation entsteht im Austausch der Kompetenzen!"

Artikel anzeigen

Fragebogen zum Forschungsprojekt über den Wirtschaftlichen Einsatz von 3D-Druckern

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Betreiber 3D - Wirtschaftlicher Einsatz von 3D-Druckern mittels Betreibermodellen unter Berücksichtigung der Perspektive der anbietenden und nachfragenden Unternehmen“ wurde zum 1. September 2015 eine Fragebogenstudie gestartet.

Artikel anzeigen

Interview: Pulver, Material und Prozess bilden ein magisches Dreieck

Interview mit Dr. Juergen Wachter, Executive Vice President Technology & Scouting der Heraeus Deutschland GmbH & Co. KG in Hanau: "...Materialanbieter am Anfang der Kette und sind auf Rückmeldung angewiesen,..."

Artikel anzeigen
Zurück
Ähnliche Artikel
Interview mit Christian Gerking, Projektleiter für Anlagen zur Herstellung von Metallpulvern und Faservliesen bei der Berliner Nanoval GmbH & Co. KG
 

25.04.2016

Interview mit Christian Gerking, Projektleiter für Anlagen zur Herstellung von Metallpulvern und Faservliesen bei der Berliner Nanoval GmbH & Co. KG

Wir stellen in Berlin nach unserem eigenen, patentierten Verdüsungsverfahren Metallpulver für unterschiedliche Anwendungen her.

Artikel anzeigen
Interview mit Hans-Jörg Hesser, Geschäftsführer der Hasenauer & Hesser GmbH
 

04.04.2016

Interview mit Hans-Jörg Hesser, Geschäftsführer der Hasenauer & Hesser GmbH

Hans-Jörg Hesser, Geschäftsführer der Hasenauer & Hesser GmbH in Ötisheim, gibt im Interview einen Einblick in die Nutzing von Additiv Manufacturing in der Industrie.

Artikel anzeigen
Interview mit Michael Hümmeler, Geschäftsführer des Konstruktions- und Fertigungsdienstleisters LMD aus Lennestadt.
 

05.08.2015

Interview mit Michael Hümmeler, Geschäftsführer des Konstruktions- und Fertigungsdienstleisters LMD aus Lennestadt.

"Wir brauchen mutige Kunden und Leuchtturmprojekte"

Artikel anzeigen
Interview mit Marcus Joppe, Geschäftsführer der Materialise GmbH in Bremen
 

24.02.2016

Interview mit Marcus Joppe, Geschäftsführer der Materialise GmbH in Bremen

Die Materialise Gmbh hat über 25 Jahre Erfahrung in der additiven Fertigung. Der Geschäftsführer Marcus Joppe gibt im Interview einen Einblick in die Anwendung von Additive Manufacturing.

Artikel anzeigen
Interview: Pulver, Material und Prozess bilden ein magisches Dreieck
 

23.01.2016

Interview: Pulver, Material und Prozess bilden ein magisches Dreieck

Interview mit Dr. Juergen Wachter, Executive Vice President Technology & Scouting der Heraeus Deutschland GmbH & Co. KG in Hanau: "...Materialanbieter am Anfang der Kette und sind auf Rückmeldung angewiesen,..."

Artikel anzeigen