Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing im VDMA – der Vorstand im Interview

VDMA

Die Vorstandsmitglieder äußern sich unter anderem über die Motivation ihrer Mitarbeit, Potenziale und Themenschwerpunkte des Additive Manufacturing sowie die Verknüpfung mit Industrie 4.0.

Seit etwas mehr als drei Jahren bündelt die Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing im VDMA (AG AM) Leistungen für Firmen und Forschungsinstitutionen zum Additive Manufacturing und 3D-Druck. Die Arbeitsgemeinschaft bildet die gesamte Produktionskette ab und unterstützt ihre Mitglieder in den Bereichen Forschung, Standardisierung, Marktzahlen und Know-How Transfer.

Was war Ihre Motivation, sich für den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing aufstellen zu lassen?

Dr. Ioannis Ioannidis: Ich sehe die Chancen dieser jungen Technologie für die deutsche Wirtschaft und möchte die Möglichkeit zur Mitwirkung und zur Zusammenarbeit in der Arbeitsgemeinschaft wahrnehmen.

Christoph Hauck: Aus dem Kreis der Mitglieder bin ich mehrfach darauf angesprochen worden, ob ich bereit sei, den bisherigen Vorstand zu ergänzen. Als Dienstleister im Metall-3D-Druck deckt unser Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette ab – und hat entsprechend Einblicke in den Stand der Technik. Dieses Wissen möchte ich einbringen.

Tobias Baur: Bei Trumpf hat die Verbandsarbeit Tradition. In so einer jungen Technologie wie dem Additive Manufacturing ist es möglich, die Entwicklung mitzugestalten und etwas zu bewegen. Sei es Standardisierung, Prozessoptimierung oder Aufklärung über die Möglichkeiten und Grenzen. Dazu kann ein Verband sehr viel beitragen – und diese Möglichkeiten sollten wir nutzen.

Dr. Eric Klemp: In den Workshops und Treffen der Arbeitsgemeinschaft habe ich den Bedarf gesehen, dass wir Wissen teilen, eigene Meinungen in Diskussionen einbringen, der Entwicklung eine Richtung geben – und dabei über den jeweils eigenen Tellerrand schauen. Ich sehe die Chance, hier Etwas voranzubringen.    

Heinz Gaub: Bei mir ist es jetzt die zweite Runde im Vorstand. Seinerzeit war es meine Motivation, dass wir es als Maschinenbauer mit einer ganz neuen Fertigungstechnologie zu tun haben. Bei ARBURG ist Verbandsarbeit eine gute Tradition, um über den Stand der Technik und aktuelle Diskussionen zu informieren und informiert zu sein – und um die Interessen unseres Unternehmens und der Kunststoffbranche einzubringen.

Wo sehen Sie das größte Potenzial der AG AM, das es zu heben gilt?

Tobias Baur: Ich denke, dass das größte Potential in der Standardisierung liegt. Daneben aber auch im Knowhow-Transfer in Richtung der Anwender. Wir stehen noch am Anfang der Technologie. Deren mögliche Anwender brauchen transparente, seriöse Information…

Dr. Ioannis Ioannidis: …ja, es geht darum, der Industrie die Bedeutung dieses neuen Geschäftsfeldes bewusst zu machen. Hier ist Kontinuität gefragt, um die Botschaften in die Köpfe der Entscheider zu bekommen.

Heinz Gaub: Ich schließe mich den Vorrednern an. Vielleicht eine Ergänzung. Wir haben hier einen der seltenen Fälle, bei dem die Ursprünge der Technologie in den USA liegen, aber die wesentlichen Maschinenbauer heute in Deutschland zu finden sind. Das ist für so eine ausdrücklich digitale Technologie ungewöhnlich. Ich glaube, es fehlt bisher ein Bewusstsein dafür, wie leistungsfähig die Anlagen bereits sind, wie viel Hightech darin steckt und was die deutschen Hersteller hier für eine gute Marktdurchdringung haben. An diesem Bewusstsein müssen wir gerade auch auf der politischen Ebene arbeiten.

Dr. Eric Klemp: Die Mischung stimmt. Es gibt in der Arbeitsgemeinschaft Unternehmen aller Größenordnungen aus allen Bereichen des Additive Manufacturing. Anlagenbauer aus der Metall- und Kunststoffwelt, Anbieter von Materialien, Konstruktionssoftware und Automatisierungslösungen, daneben die vielen Konstruktions- und Fertigungsdienstleister, die Vertreter aus der Forschung und natürlich die Vielzahl industrieller Anwender aus verschiedensten Branchen. Dieser Zugang zum Netzwerk ist gerade auch für kleine Firmen attraktiv. Zumal hier für jeden die Möglichkeit besteht, neue Kontakte in zusätzliche Märkte zu knüpfen.

Tobias Baur: Ich möchte noch einmal unterstreichen, was Heinz Gaub gesagt hat: Deutschland hat eine große Chance im Additive Manufacturing. Wenn ich nach China und in die USA schaue, passiert dort mittlerweile sehr viel, gerade auch in Richtung einer Vernetzung der Akteure. Die eingespielte Verbandsarbeit bietet uns hier die Chance, die Entwicklung zu treiben, unsere Kräfte zu bündeln und unseren Vorsprung in diesem Zukunftsmarkt auszubauen…

Christoph Hauck: Für uns als Dienstleister, der seit 2005 dabei ist, ist es wichtig, weitere Industriebranchen von dem Potential additiver Verfahren zu überzeugen. Als Jemand, der in diversen Normungsausschüssen mitwirkt, würde ich mir wünschen, dass der VDMA die vielerorts laufenden Standardisierungsbemühungen als zentrale Instanz ein wenig koordiniert. Wir haben eine international führende Position, die es zu wahren gilt.

Welche drei Themenschwerpunkte möchten Sie - in der Reihenfolge Ihrer Priorität - in der Arbeitsgemeinschaft setzen?

Christoph Hauck: Wir haben im Metallbereich eine fantastische Fertigungstechnologie. Aber noch krankt diese an der Nachbearbeitung, die vor allem manuell erfolgt. Wir müssen alles daran setzen, die additive Prozesskette zu automatisieren und zu optimieren. Auch die Software und die Anlagentechnik können besser werden. Punkt zwei ist der Bereich Aus- und Weiterbildung. Und der dritte Punkt ist die Weiterentwicklung der Hybridtechnik, also Werkzeugmaschinen mit additiver und spanender Bearbeitung. Und zwar Weiterentwicklung sowohl auf der technischen Ebene, als auch beim Bekanntheitsgrad dieser Technik.

Dr. Eric Klemp: Ich würde den Schwerpunkt auf die Prozessintegration legen: weg von Manufakturprozessen hin zur digital integrierten, automatisierten Prozesskette. Ausbildung ist ebenfalls meine zweite Priorität. Und drittens braucht es grundsätzlich schnellere Prozesse. Ideen gibt es. Wir sollten unsere Kräfte bündeln, um sie möglichst schnell real werden zu lassen. Wir brauchen tragfähigere Netzwerke.

Dr. Ioannis Ioannidis: Für mich steht an oberster Stelle die Wirtschaftlichkeit der Prozesse, dann kommt die Materialauswahl und an dritter Stelle der Knowhow-Transfer.

Heinz Gaub: Die Automatisierung und Vernetzung mit anderen Fertigungstechnologien sehe ich auch als unser zentrales Anliegen. Wir sollten zweitens kommunizieren, dass additive Verfahren eine neue Fertigungstechnik sind – also keine Spielerei mit 3D-Druckern. Es geht um ernstzunehmende industriell nutzbare Maschinen und Anlagen. Und drittens wünsche ich mir, dass wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie gut additive Fertigungs-Technik für die Individualisierung von Massenprodukten geeignet ist. Stichwort Mass Customization.

Tobias Baur: Meine Punkte sind Knowhow-Transfer, Standardisierung und Netzwerkbildung. Wir alle haben technologische Fragen, die uns unter den Nägeln brennen. Doch die Frage ist, was unsere Arbeitsgemeinschaft wirklich leisten kann. Sie kann die richtigen Leute zusammenbringen, den Meinungsaustausch fördern und für die Standardisierungsbemühungen den Rahmen setzen. Aber ich denke nicht, dass wir hier neue technische Verfahren entwickeln können.

Wie möchten Sie die AG AM im Bereich Industrie 4.0 positionieren? 

Tobias Baur: Es drängt sich förmlich auf, Additive Manufacturing mit dem Thema Industrie 4.0 zu verknüpfen. Die Frage ist, in welcher Form. Als Unternehmen machen wir dies ohnehin.

Dr. Ioannis Ioannidis: Das Geschäftsfeld ist ein Musterbeispiel für Industrie 4.0. Von daher sollten wir hier eine enge thematische Verflechtung anstreben.

Christoph Hauck: Die Arbeitsgruppe kann hier ein Bindeglied zwischen den Akteuren sein. Es muss auch auf der Softwareseite noch sehr viel passieren. Sei es die Integration in CAD-/CAM-Infrastrukturen, in das Enterprise-Ressource-Planning, Manufacturing Execution Systeme oder ins Product Lifecycle Management. Hier fehlt es noch an Schnittstellen und Standards. Und wie schon gesagt: Die manuellen Brüche in der Prozesskette sollten wir schleunigst beseitigen. Dafür müssen alle beteiligten Maschinen und Anlagen kommunizieren können.

Dr. Eric Klemp: Komplett vernetzte Geschäftsprozesse und eine exakte Nachverfolgbarkeit der Fertigung sind im Additive Manufacturing vorgezeichnet. Und genau dadurch kann die junge Technologie schnell Vertrauen gewinnen. Allerdings müssen wir dafür alle unsere Hausaufgaben erledigen.

Heinz Gaub: Wir haben es als Unternehmen quasi am eigenen Leib gespürt, wie eng Beides zusammengehört. Wir haben uns ein Jahrzehnt mit additiven Verfahren beschäftigt – und als wir damit weit fortgeschritten waren, hat man uns als Branchenführer in der Industrie 4.0 angesehen. Das war nicht die ursprüngliche Absicht. Aber es zeigt, wie eng Additive Manufacturing und Industrie 4.0 in der Öffentlichkeit bereits miteinander verknüpft sind.

Sehen Sie einen Bedarf, Additive Manufacturing stärker bei Anwendern zu platzieren? Wenn ja, über welche Formate sind Zielgruppen zu erreichen?

Heinz Gaub: Mögliche Anwender werden über Messen, Fachmedien und über Mund-zu-Mund-Propaganda aufmerksam. Ein Argument, das immer verfängt, ist natürlich nachgewiesene Wirtschaftlichkeit. In welchem Maße das die Aufgabe der Anlagenbauer ist, und welchen Beitrag die Arbeitsgemeinschaft hier leisten kann, muss sich noch zeigen. Es ist auf jeden Fall kein Exotenthema mehr.

Dr. Ioannis Ioannidis: Aber aus meiner Sicht benötigen der Maschinenbau, die Elektroindustrie und viele weitere Anwenderbranchen noch Unterstützung, um die enormen Möglichkeiten der additiven Konstruktion und Fertigung zu erkennen. Die Arbeitsgemeinschaft kann diese Informationen in diese Branchen tragen.

Tobias Baur: Ich sehe angesichts des medialen Hypes allenfalls den Bedarf, seriös zu informieren.

Christoph Hauck: Alle unsere Kunden wollen einen industriellen Demonstrator sehen – vom Urformen bis zum fertigen, zertifizierten Bauteil. Mit vereinten Kräften eine solche Kette auf Messen und Veranstaltungen zeigen zu können, das wäre großartig.

Dr. Eric Klemp: Wenn Anwender schlechte Erfahrungen machen – sei es durch schlechtes Material oder durch falsche Prozessparameter, dann wenden sie sich schnell ab. Wir sollten Anwender unterstützen und an unserer Erfahrung und unserem Wissen teilhaben lassen, um Fehler von Anfang an zu vermeiden. Messen, Schulungen, Demonstratoren sind dafür gangbare Wege. Dafür sollten wir die Möglichkeiten digitaler Wissensvermittlung nutzen.

Was bedeuten aktuelle, internationale Fusionen und Übernahmen aus Ihrer Sicht für die Branche? Welche Rolle kann die AG AM hier spielen?

Heinz Gaub: Ich sehe es als eine ungünstige Entwicklung, wenn führende Anlagenbauer von internationalen Konzernen übernommen werden. Ich weiß aber nicht, wie sich solche Übernahmen vermeiden lassen. An den gezahlten Summen zeigt sich, welches Zukunftspotential Konzerne mittlerweile in der Technologie sehen. Es wäre schade, wenn das Knowhow im Zuge von Übernahmen abfließt. Das sollte die Politik möglichst schnell erkennen.

Dr. Ioannis Ioannidis: Ich sehe aber auch, dass große Unternehmen mit ihren Möglichkeiten zum schnelleren Auf- und Ausbau der Branche beitragen können. Aber ich stimme meinen Vorrednern zu: Wir sollten auf jeden Fall daran arbeiten, mehr Bewusstsein für die strategische Bedeutung des Additive Manufacturing zu schaffen.

Tobias Baur: Übernahmen gehören dazu. Das werden wir nicht aufhalten, zumal der Markt enorme Chancen bietet. Die Entwicklung im Ausland ist zum Teil atemberaubend. Wir können nur auf Kontinuität setzen und den Wettbewerb annehmen. Je tiefer wir die Technologie durchdringen, desto bessere Anlagen werden wir hier in Deutschland bauen und exportieren. Wir haben allen Grund, selbstbewusst an die Sache heranzugehen.

Christoph Hauck: Einem Ausverkauf kann die Politik auch dadurch vorbeugen, indem sie Förderprogramme in einem ganz anderen Maßstab aufsetzt. In den USA und China gibt es die. Wir als Unternehmen können durch Kooperationsverträge und engere Netzwerke dafür sorgen, dass jeder einzelne Akteur schnell stärker wird.

Vorstandsmitglieder der AG AM im VDMA
 

Tobias Baur, Bereichsleiter Additive Manufacturing der TRUMPF Laser- und Systemtechnik GmbH

Heinz Gaub, Geschäftsführer Technik ARBURG GmbH & Co. KG

Christoph Hauck, Geschäftsführer der MBFZ toolcraft GmbH

Dr. Ioannis Ioannidis, Präsident und CEO der Oskar Frech GmbH & Co. KG

Dr. Eric Klemp, Geschäftsführer der voestalpine Additive Manufacturing Center GmbH