„Hoher Entwicklungsbedarf im Bereich Oberflächenbehandlung“

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Im Interview: Daniel Guizard, Aalberts Industries

Aalberts Industries erwirtschaftete 2017 mit 16.000 Mitarbeitern in 22 Ländern einen Umsatz in Höhe von 2,69 Mrd. Euro. Unter anderem ist der Konzern auf Wärme- und Oberflächenbehandlung spezialisiert. Hier gibt es vermehrt Anfragen und Aufträge von Akteuren aus dem Additive Manufacturing. Im Interview erklärt Daniel Guizard, der im Aalberts Geschäftsbereich Material Technology das Strategic Customer Development verantwortet, welche Bedeutung die junge AM-Technologie für den Konzern hat, wo er Entwicklungsbedarf sieht und was zur vollautomatisierten additiven Fertigung fehlt.

 

Können Sie uns Aalberts Industries kurz vorstellen?

Daniel Guizard: Gerne. Das Unternehmen wurde 1975 von Jan Aalberts gegründet. Gewinne hat er stets reinvestiert. So ist durch organisches Wachstum und Akquisitionen mittlerweile ein Technologiekonzern mit 16.000 Mitarbeitern an 150 Produktionsstandorten in 22 Ländern und knapp 2,7 Mrd. Euro Umsatz entstanden. Unser Konzern hat viele Tochtergesellschaften mit weltweit vertretenen Marken und ist in vier Geschäftsbereiche unterteilt: Installation Technology, Material Technology, Climate Technology und Industrial Technology. Strategisch planerische Aufgaben übernimmt die Holding, in der ich mit weiteren 25 Kollegen tätig bin.

Welchen Teil der Wertschöpfungskette decken Sie im Additive Manufacturing (AM) ab?

Guizard: Unsere AM-Aktivitäten sind in erster Linie in unserem Geschäftsbereich Material Technology angesiedelt, der das Post-Processing additiv gefertigter Bauteile anbietet. Also die Wärmebehandlung, Oberflächenbehandlung und das so genannte Heiß-Isostatische Pressen (HIP), das auch als „Hippen“ geläufig ist. Im Hip-Verfahren wird die Restporosität der Bauteile verdichtet, wobei die Parameter Druck, Zeit und Temperatur entscheidend sind.

Welche Bedeutung misst Aalberts als globaler Technologiekonzern dem AM-Bereich bei?

Guizard: Bei aller gebotenen Vorsicht mit Prognosen – wir sehen AM als eine Technologie mit Zukunft. Ein neuer Fertigungsansatz, der in Bereichen wie der Implantat-Herstellung oder auch im Consumer-Bereich schon sein Potential zeigt. Wir sind überzeugt, dass die Industrialisierung additiver Prozesse kommen wird, und das Thema dann auch für uns immer relevanter wird. Bei Aalberts Industries werden jährlich circa zwei Milliarden Teilen beschichtet, und etwa 150.000 Tonnen Stahl wärmebehandelt. Von diesen Dimensionen ist Additive Manufacturing noch weit entfernt. Doch wir befassen uns intensiv damit, um die Entwicklung von Beginn an mitzugehen und Knowhow aufzubauen. Wir wollen verstehen, wie die Bauteile auf unsere nachgelagerten Prozesse in der Oberflächenbehandlung, der Wärmebehandlung und dem HIP reagieren. Denn im Aufbau und den Materialstrukturen unterscheiden sie sich von konventionell hergestellten Teilen. Daneben sind additive Verfahren für unsere verschiedenen Geschäftsbereiche auch aus Anwendersicht interessant. Zur Fertigung von passgenauen Kunststoffteilen und von Prototypen nutzen wir sie bereits. Und wir beleuchten das Thema natürlich auch für weitere Anwendungen.

Wo sehen Sie als Nachbehandlungsspezialist Entwicklungsbedarf für die AM-Branche?

Guizard: Es gibt viele offene Fragen. Braucht es in Beschichtungsbädern für additiv gefertigte Bauteile nur andere Prozesschemie und veränderte Prozessführung oder ganz neue Prozesse? Hier kommt uns zugute, dass wir die Prozesschemie für viele Verfahren selbst herstellen. Oder die Frage, wie in stromgeführten Beschichtungsprozessen Strom zum Aufbau der Beschichtung in die Hohlräume der AM-Bauteile gelangt? Beim Hippen klären wir, inwiefern der Prozess bei verschiedenen Materialien die Maßhaltigkeit der Bauteile beeinflusst und wie sich das Ergebnis durch Parameter und Rezepturen steuern lässt. Unsere Kunden stellen vermehrt Fragen zur Nachbehandlung von AM-Bauteilen, auf die wir Antworten finden müssen. Und das möglichst für den ganzen, riesigen Blumenstrauß an Nachbehandlungsprozessen, die wir anbieten.

Gibt es AM-spezifische Chancen und Herausforderungen, die in anderen Verfahren so nicht bestehen?

Guizard: Zunächst eine generelle Antwort. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass 30 bis 35 Prozent der Gesamtkosten im Additive Manufacturing auf das Post-Processing entfallen. Das zeigt das wirtschaftliche Potential, wenn der Markt weiter so dynamisch wächst. Wir sehen aber auch spezifische Chancen für neue Verfahren. Ein Beispiel ist unser neues patentiertes Lasox-Verfahren – hinter dem sich ein Laser-Anodisationsprozess verbirgt. In Sauerstoff-Atmosphäre wird ein Laserstrahl auf die Oberfläche des Werkstücks gerichtet. Unter Einfluss des Lasers beginnen Legierungspartikel zu schmelzen und zu verdampfen. Sauerstoffplasma und Teile des geschmolzenen Aluminiums reagieren zu Aluminiumoxid (Korund, Al2O3), das die behandelte Oberfläche bedeckt. Der Laserstrahl fährt die Oberfläche des Bauteils Bahn für Bahn ab. Die Beschichtungsdauer ist daher proportional zur Beschichtungsfläche, oder anders ausgedrückt: Je kleiner die Fläche, desto schneller die Bearbeitung. Damit können wir Bauteile außerhalb eines Bades selektiv beschichten. Das Verfahren lässt sich gut in Prozessketten integrieren, bringt keine zusätzliche Chemie in Produktionsprozesse ein und bietet die Freiheit, nur wirklich benötigte Funktionsoberflächen zu beschichten. Solchen Sonderlösungen können unseren Kunden im AM-Bereich helfen, Zeit und Kosten zu sparen.

Was fehlt aus Ihrer Sicht, um vollautomatisierte AM-Prozessketten zu realisieren?

Guizard: Dafür braucht es zunächst eine Analyse, welche Nachbehandlungslösungen in den Prozess integriert werden müssen. Es ist relativ einfach, einen Wärmebehandlungsofen oder ein HIP-Modul aufzustellen. Die Oberflächenbehandlung ist da etwas komplexer. Denn beim Design der AM-Prozessketten gilt es, Lacke, Chemikalien oder Zwei-Komponentensysteme samt Hardware, Lagerhaltung, Sicherheits- und Umweltauflagen zu berücksichtigen. Wie sich das in additive Prozessketten integrieren lässt, muss noch erarbeitet und diskutiert werden. Heute sind unsere Prozesse für einen hohen Durchsatz optimiert. Es muss sich zeigen, ob im AM-Bereich andere Kriterien – etwa die Flexibilität der Anlagentechnik - wichtiger sein werden.

Mit welchen Zielen und Interessen haben Sie sich in die Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing eingeklinkt?

Guizard: Christoph Hauck von MBFZ Toolcraft hat uns auf die AG AM hingewiesen. Wir finden es interessant, uns mit unserem technologischen Hintergrund in die Diskussionen einzubringen und an Lösungen und Konzepten mitzuarbeiten. Auch möchten wir unser Netzwerk erweitern und im Austausch mit den vielen Akteuren aus allen Bereichen der Wertschöpfungskette mehr über die Anforderungen des Marktes lernen.

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