Viele Unternehmen sind am 3D-Druck interessiert, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen

Im Interview erklärt Gründer und Geschäftsführer von der 3YOURMIND GmbH, Stephan Kühr, wo er das größte Verbesserungspotential in Additive Manufacturing sieht.

Die 3YOURMIND GmbH widmet sich effizienten Workflows im Additive Manufacturing. Auf ihrer Webplattform können Anwender zunächst die Plausibilität ihrer 3D-Konstruktion überprüfen, ehe sie den passenden Fertigungsdienstleister suchen. Auch Konzerne nutzen die Dienste der Gründer, um ihre additive Fertigung über mehrere Standorte hinweg zu managen. Im Interview erklärt Gründer und Geschäftsführer Stephan Kühr, wo er das größte Verbesserungspotential der jungen Technologie sieht.

 

Nicht alle Leser kennen die 3YOURMIND GmbH. Können Sie ihr Unternehmen kurz vorstellen?

Stephan Kühr: Gern. Wir haben 3Yourmind 2013 als Projekt an der TU Berlin gestartet und 2014 offiziell unsere GmbH gegründet. Anfangs waren wir zu Dritt. Bis heute sind wir auf 35 Mitarbeiter gewachsen. Unser Fokus lag von Anfang an auf Softwaretools zur Analyse von 3D-Dateien und auf dem Workflowmanagement in der additiven Prozesskette.

Welchen Teil der Wertschöpfungskette im Additive Manufacturing decken Sie denn genau ab?

Kühr: Wir sind generell gesprochen das Bindeglied zwischen jenen, die Bauteile drucken wollen, und denjenigen, die die Fertigungsanlagen haben. Auf unserer Plattform können sie ihre 3D-Datei mit unseren Tools zunächst auf etwaige Fehler und auf ihre Druckbarkeit hin analysieren - und sofern nötig reparieren, Stützstrukturen optimieren oder die Methoden der Nachbehandlung planen und festlegen. Daneben ist unsere Plattform ein Marktplatz, auf dem unsere Kunden vor der Auftragsvergabe Dienstleister, deren Preise und Lieferzeiten sowie ihre Anlagen- und Materialverfügbarkeiten vergleichen können. Zudem bieten wir firmeninterne Workflowsoftware. Damit können Unternehmen ihre additive Fertigungstechnik an verschiedenen Standorten managen, deren Auslastung optimieren sowie im Falle von Engpässen externe Dienstleister hinzuziehen und die Aufträge komplett darüber abwickeln.

Additive Manufacturing reift. Werden damit auch die Erwartungen von Neukunden realistischer? Und wer sind diese Kunden?

Kühr: In der Regel kommen unsere Kunden aus der Automobilbranche und aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Sie arbeiten vor allem im Rapid Prototyping seit vielen Jahren mit additiven Verfahren. Von daher wissen sie, was sie von uns erwarten können. Sie kommen jetzt von ihren Fertigungsvolumina her an die Schwelle, dass sie effiziente, automatisierte Workflows brauchen. Etwa für Rennsportanwendungen, für Kleinserien in der Oberklasse oder im Sondermaschinenbau. Mit steigenden Stückzahlen steigt der Bedarf am professionellen Lösungen und reproduzierbarer Qualität.

Als Mittler zwischen Anwendern und Herstellern haben Sie tiefe Einblicke. Wo sehen Sie die größten Mängel in der additiven Prozesskette?

Kühr: Die Mängel werden ja allerorts diskutiert: Prozessstabilität, Materialverfügbarkeit, Kosten und Produktivität lassen noch zu wünschen übrig. Es gibt viele Usecases, wo additive Verfahren heute schon Vorteile gegenüber herkömmlichen Fertigungsverfahren bieten. Doch sie sind nicht leicht zu finden. Hier sehe ich eines der Hauptprobleme im 3D-Druck: Viele Unternehmen sind sehr interessiert an der additiven Fertigung, wissen aber nicht so recht, wo sie anfangen sollen. Für sie stellen wir auf der Hannover Messe mit zwei renommierten Partnern eine neue Softwarelösung vor. Diese scannt Teiledatenbanken und prüft die Bauteile und Baugruppen darin auf ihre 3D-Druckbarkeit hin. Wenn ich 500.000 Teile in der Datenbank habe, dann filtert die Software all jene heraus, für die additive Fertigung in Frage kommt. Die Analyse kann mit weiteren manuellen Eingaben – etwa zur Sicherheitsrelevanz, einwirkenden Kräften oder Umweltbedingungen am Einsatzort – vertieft werden. Es entsteht eine Matrix, aus der ablesbar ist, welche technischen und ökonomischen Argumente für additive Verfahren spricht. Die Software wird bei 500.000 Teilen einige Dutzend finden, bei denen additive Fertigung auf Anhieb Vorteile verspricht; und möglicherweise einige hundert weitere Bauteile, bei denen eine vertiefte Analyse erfolgsversprechend ist. Konstrukteure bekommen also wichtige Hinweise, wo und wie sie ansetzen können. Die Software basiert auf Erkenntnissen, die unsere Partner in jahrelanger praktischer Erfahrung gesammelt haben.

Die Industrie wünscht sich automatisierte Prozessketten, in denen sich Fertigungs- und Nachbehandlungstechnik unterschiedlicher Hersteller per Plug&Play verknüpfen lässt. Was fehlt auf dem Weg dorthin?

Kühr: Es ist unser Ansporn, exakt solche Prozessketten zu etablieren – um Kunden einen möglichst einfachen Zugang zu additiv gefertigten Bauteilen zu verschaffen. Ganz gleich, aus welchem Material und mit welchem Verfahren. Wobei wir uns mit der Vorkette befassen und hier für effiziente, klare Kommunikation sorgen. Um die Prozesse in der Fertigung und deren Automatisierung kümmern wir uns nicht. Dafür sind wir als Start-up auch nicht die Richtigen, das können Akteure aus dem Bereich der Fertigungsautomation und Fabriksteuerung besser als wir. In diesem Bereich wartet sehr viel Arbeit – aber letztlich muss und wird der Weg in Richtung einheitlicher Datenstandards und Schnittstellen führen, um Maschinen und Anlagen verschiedener Hersteller effizient vernetzen zu können.

Mit welchen Zielen und Interessen haben Sie sich der Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing im VDMA angeschlossen?

Kühr: Als Einzelkämpfer kommt man in einer zunehmend vernetzten Industrie nicht weit. Und das gilt in einer digitalen Technologie wie dem Additive Manufacturing erst recht. Es geht uns darum, uns im Austausch mit anderen Akteuren und mit Anwendern aus der Branche weiterzuentwickeln und dabei wichtige Trends zu erkennen. Diesen Austausch suchen und finden wir in der Arbeitsgemeinschaft.

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