„Potential additiver Bauteildesigns wird oft nicht ausgeschöpft“

trinckle3D

Im Interview erklärt Dr. Ole Bröker, trinckles Head of Business Development & Consulting, warum für Additive Manufacturing ein neues Konstruktions- und Designverständnis gefragt ist.

Die trinckle 3D GmbH entwickelt Software für die Additive Fertigung. Kunden des Berliner Start-ups können mit dessen Cloud-Software 3D-Bauteile in einem weitgehend automatisierten Designprozess individualisieren und dabei Endkunden einbinden.

 

Nicht alle Leser kennen die trinckle 3D GmbH. Können Sie ihr Unternehmen kurz
vorstellen?
Dr. Ole Bröker:
Wir sind ein 2013 gegründetes Spin-off der FU Berlin mit heute zwölf fest angestellten Mitarbeitern. Seinerzeit waren wir der erste deutsche Online-3D-Druckservice. Unser Schwerpunkt liegt auf der Softwareentwicklung für die Additive Fertigung. Wir sehen uns als Partner für Unternehmen, die in diesen Bereich einsteigen wollen oder dort schon aktiv sind. Unsere Softwareplattform hilft ihnen, das ganze Potential der Technologie auszuschöpfen. 

Welchen Teil der Wertschöpfungskette im Additive Manufacturing decken Sie ab?
Bröker:
Wir legen den Fokus klar auf die Software. Unsere Software hilft Kunden, die Konstruktion individueller Bauteile und die Individualisierung von Serienteilen zu optimieren und soweit wie möglich zu automatisieren. Einfach gesagt definieren Kunden die Anforderungen, die ein Bauteil erfüllen muss. Daraus leiten sich Regeln ab, die einem Basisdesign zugrunde liegen. Lassen sich dessen Parameter mathematisch abbilden, dann kann dieses parametrische Design beliebig konfiguriert und für die additive Fertigung optimiert werden. So lässt sich beispielsweise ein Greifer für Roboter auf Basis eines Grunddesigns beliebig umformen, um seine Form ideal an das zu greifende Produkt anzupassen. Auch können Unternehmen ihre Kunden über unsere Softwareplattform in den Design- und Konstruktionsprozess einbinden.

Additive Manufacturing reift. Werden damit auch die Erwartungen von Neukunden realistischer? Und wer sind diese Kunden?
Bröker:
Zu unseren Kunden zählen Firmen aus der Konsumgüterbranche – etwa Hersteller von Brillen, Schmuck oder Spielzeug - sowie Unternehmen aus der Medizintechnik, Maschinenbau und Robotik und aus verschiedenen anderen Industriebranchen. Es gibt Neukunden mit sehr hohen Erwartungen und solche, die vom Stand der Technik und von den Möglichkeiten der additiven Verfahren positiv überrascht sind. Aber wir beobachten, dass die Erwartungen und auch die Anwendungsideen tatsächlich realistischer werden. Überstiegene Erwartungen, etwa dass der 3D-Druck schon bald alle konventionellen Fertigungsverfahren ablösen wird, begegnen einem kaum noch. Kunden prüfen vorab genau, für welche Anwendungen sich additive Fertigung lohnt: Und das sind vor allem die Individualisierung von Produkten, der Leichtbau und Integration von Funktionen in Bauteile beziehungsweise die Fusion von Baugruppen zu Einzelkomponenten.

Wo sehen Sie die größten Mängel in der additiven Prozesskette?
Bröker:
Hardware und Materialien verbessern sich kontinuierlich. Als Softwareentwickler haben wir den Blick eher auf der Vorkette. Da sehen wir, dass viele Konstrukteure und Designer in ihrer alten Welt mit konventionellen Konstruktionsregeln verharren – und das technische Potential additiver Bauteildesigns nicht ausschöpfen können. Auch scheuen sie sich, ihre Endkunden in den Designprozess einzubinden. Diese Abwehrhaltung verbaut Chancen. Denn es geht ja nicht darum, das Knowhow auf die Endkunden zu übertragen. Sondern es geht darum, die Freiheitsgrade der additiven Fertigung in ihrem Sinne optimal zu nutzen – und sie selbst kennen ihre Bedürfnisse und Anforderungen am besten. Wir stehen heute erst am Anfang der Möglichkeiten. Junge Unternehmen und Designer, die additive Verfahren schon an der Uni kennengelernt haben, kommen oft mit richtig guten Ideen zu uns. Sie schöpfen das Potential ganz selbstverständlich aus. Daran zeigt es sich, welchen Stellenwert die Aus- und Weiterbildung im Additive Manufacturing hat.

Stichwort Prozesskette: Wie hoch sind die Anteile manueller Arbeit in Datenhandling und Fertigung?
Bröker:
Wir haben beim Datenhandling im Druckservice einen hohen Automatisierungsgrad erreicht. Dadurch konnten wir uns als Start-up im Markt etablieren. In Design und Konstruktion arbeiten wir daran, die manuellen Arbeitsschritte zu minimieren. Allerdings müssen Anwender das Basisdesign und die parametrisierten Konstruktionsvorschriften noch auf unserer Plattform eingeben. Aber das ist ein einmaliger Vorgang – die freie Konfiguration und Bauteiloptimierung sind dann komplett automatisiert. Das heißt, Kunden haben ein konfigurierbares Basisdesign, aus dem sie unterschiedlichste individualisierte Brillen, Greifer oder Prothesen ableiten können, ohne dass deren Funktion beeinträchtigt wird.

Mit welchen Zielen und Interessen haben Sie sich der Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing angeschlossen?
Bröker:
Wir suchen Kontakt zu Unternehmen, die bereits im Bereich Additive Manufacturing unterwegs sind oder künftig dort hinwollen. Mit unserer B2B-Software können wir ihre Prozesse drastisch verschlanken und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Wir erleben in der Arbeitsgemeinschaft spannende Diskussionen und sehen inspirierende Anwendungsfälle. Wir wollen mit unserem Knowhow ebenfalls Mitglieder inspirieren und uns als Technologiepartner empfehlen.

Ähnliche Artikel